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Athanasias erste Ausbildung nach 20 Jahren Arbeit

12.05.2005

Wie die Region aus ungelernten Frauen des Neuhausener Sensorenherstellers Balluff Fachkräfte macht

Neuhausen, Kreis Esslingen - Die Luft auf dem Arbeitsmarkt wird für Ungelernte immer dünner. Ein Qualifizierungsprojekt der regionalen Wirtschaftsförderung macht einige hundert Frauen fit für die Zukunft.
Athanasia Bahtsevani ist zufrieden. 20 Jahre lebt sie in Deutschland, fast genauso lang arbeitet sie hier, die letzten elf Jahre für den Sensorenhersteller Balluff in Neuhausen auf den Fildern. "Das ist die erste Möglichkeit, dass ich etwas lerne", sagt die 37-Jährige über das Projekt Mentoring und Qualifizierung. Obwohl sie bei deutschen Behörden einst dafür gekämpft hatte, blieb ihr griechisches Abitur in der neuen Heimat ohne Anerkennung. Ohne Schulabschluss keine Berufsausbildung - es blieben einfache Tätigkeiten, für die sie in der Industrie kaum einen Tag angelernt werden musste.

Bei Balluff kümmert sich Bahtsevani aber längst um komplizierte Angelegenheiten. In einem Reinraum bestückt sie Widerstände, die Bedienung der Mikroelektronik ist einer Facharbeiterin würdig. "Ich mache viel", sagt Bahtsevani, "aber ich habe nichts Schriftliches. Ich kann niemand beweisen, was ich kann." Nun bekommt sie am IHK-Bildungszentrum in Ostfildern in 14 Monaten doch noch das Rüstzeug für die anschließende Prüfung zur Nachrichtengerätemechanikerin. Da lernt sie die Grundlagen dessen, was sie tagtäglich macht, und auch wenn Elektrotechnik, Metalltechnik oder Mathe ziemlich schwer für sie sind, sagt sie: "Das ist genau das, was ich will."
Und es trifft sich mit dem, was der Arbeitgeber möchte. Balluff bat Athanasia darum, Vollzeit zu arbeiten, was sie seit Januar tut, nachdem ihr Sohn volljährig geworden war. Die Firma schlug ihr auch die Fortbildung vor und stellt sie jeden Monat für eine Woche frei. Die Griechin hängt freitags vier Stunden ihrer Freizeit dran und beteiligt sich mit rund 400 Euro an den Kosten.

Personalleiterin Helga Zimmermann nennt das Engagement in der Ausbildung einen Eckpfeiler der Firmenphilosophie von Balluff mit seinen weltweit 1650 Beschäftigten und Produktionsstätten unter anderem in Ungarn: "So kommen wir an gute Facharbeiter heran." Weil die in Zeiten der Globalisierung und Spezialisierung ständig steigenden Anforderungen genügen müssen, bildet Balluff sie selbst aus. Von 41 Azubis der vergangenen Jahre sind alle übernommen worden, von den 16 Damen, die im Vorgänger-Projekt Mentoring für gering qualifizierte Frauen Anlagenführerinnen wurden, arbeiten vier auf höherwertigen Stellen, etwa als Assistentin im Qualitätsmanagement. Von den fünf Teilnehmerinnen der neuen Runde ist eine schon vorab versetzt worden. "Wir warten nur darauf, dass sie die höhere Qualifikation hat", sagt Helga Zimmermann.

Während diese Mitarbeiterin ebenso wie Athanasia Bahtsevani mit der Qualifikation eine bessere Bezahlung erwartet, sitzt Kollegin Durkadin Kojun in der Warteschleife. Die 40-jährige Türkin, seit 25 Jahren in Deutschland - davon 21 bei Balluff - montiert optische Schalter, wie sie im Autobau bei Einparkhilfen oder in Aufzügen Verwendung finden. Vergleichbares hat Kojun auch getan, bevor sie Anlagenführerin lernte.

Im Gegensatz zu Bahtsevani hat die Türkin einst gar nicht erst versucht, ihren Schulabschluss anerkennen zu lassen. Doch als ihr Meister ihr die Chance gab, etwas neues mit der Aussicht auf ein IHK-Zertifikat zu lernen, griff sie zu - "obwohl ich schon sehr aufgeregt war". Kojuns Deutsch war nicht das Beste, weshalb sie sich erst einmal ein Wörterbuch zulegte. Mit Hilfe des Dozenten und der Mentorin im Betrieb gewann Durkadin Kojun jedoch an Selbstvertrauen.

Auch wenn sie ein gutes Jahr nach dem Abschluss noch nicht ihrer neuen Qualifikation gemäß eingesetzt wird, ist die allein erziehende Mutter einer zehn Jahre alten Tochter ebenfalls zufrieden. Weil sie ihren alten Job besser versteht, weil sie sich zutraut, andere, schwierigere beherrschen zu können. "Die holen mich schon, wenn sie mich brauchen", zeigt sich Durkadin Kojun offen für künftige Aufgaben.

Quelle: Stuttgarter Nachrichten / Alexander Ikrat