zum Hauptmenü
zum Inhalt


Hauptmenü
< zurück zur Übersicht

Als die Maschine billiger war

16.09.2006

Menschen ohne Ausbildung fallen schnell unten durch - Zeitarbeitsfirmen entdecken Qualifizierung als Weg in die Zukunft

Esslingen - Vincenza Monciino hat zwölf Jahre festangestellt gearbeitet. Dann wurde sie durch eine Maschine ersetzt. Seit einem Jahr ist sie bei einer Zeitarbeitsfirma beschäftigt. Seit einigen Wochen macht sie ihre erste Ausbildung.
"Lernen ist super", sagt die 36-jährige Italienerin, "Schule ist immer am besten." Eine Berufsausbildung war damals für sie, als sie im entsprechenden Alter war, nicht vorgesehen. Zu teuer und nicht so wichtig für Mädchen. Als sie vor 18 Jahren nach Deutschland zog, hat sie sich die fremde Sprache selbst beigebracht. Sie hat gelernt, sich durchzubeißen. Sie hat sich Arbeit gesucht und war stets zuverlässig. Aber irgendwann war die Maschine billiger. Seit ihr die Lebenserfahrung gezeigt hat, wie schnell man wegrationalisiert werden kann, weiß sie um den Wert einer Ausbildung umso besser. "Ich will mehr wissen, ich will mehr lernen, ich will mich qualifizieren", sagt die derzeitge Löterin. Über solch motivierte Schüler wäre mancher Lehrer froh.

Auch Silke Kranich ist froh um ihre Mitarbeiterin. Die Niederlassungsleiterin der Esslinger Filiale von Randstad Deutschland hat zusammen mit der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart und dem Verein Garp - Bildungszentrum für die IHK Region Stuttgart ein Qualifizierungsprojekt auf die Beine gestellt. "Wir hatten das Feedback von mehreren Unternehmen, dass sie spezialisierte Löterinnen suchen", erklärt Kranich, "diese Qualifikation ist auf dem Markt nicht zu bekommen." Durch den Einsatz von Computerprogrammen hatte sich das Berufsbild stark weiterentwickelt. Auch das Arbeitsamt habe auf die Nachfrage des Personaldienstleisters nur mit den Achseln gezuckt, weshalb man sich schließlich entschieden habe, das Thema selbst anzugehen.

Beschäftigte in der Zeitarbeitsbranche hatten bislang üblicherweise schlechte Chancen auf Weiterbildungen: Die Firmen, in denen sie eingesetzt werden, investieren naturgemäß nicht in externe Mitarbeiter. "Und wir können sie ja auch nicht einfach aus dem Prozess herausnehmen", sagt Kranich. Diese Barrieren haben die Beteiligten nun aber überwunden: Randstad hat insgesamt 15 Mitarbeiterinnen eine Qualifizierung im Rahmen des M&Q-Projektes der Wirtschaftsförderung angeboten. Elf Frauen haben zugesagt und besuchen seit einigen Monaten samstags einen Zertifikatlehrgang zur Anlagenbetreuerin IHK/Elektromontage
"Der Lehrgang wird auf die Bedürfnisse der Firmen angepasst", erklärt Barbara Huhle von Garp. So wurde zuerst erörtert, welche Anforderungen den Frauen im Alltag begegnen. Das Bildungszentrum der IHK hat den Lehrgang dann entsprechend angepasst. So haben die Frauen beispielsweise Unterricht in EDV-Grundlagen, im SMD-Löten, in Elektromontage-Tätigkeiten sowie in Qualitätsmanagement. "Unsere Mitarbeiterinnen investieren quasi ihre Freizeit in die Weiterbildung", lobt Silke Kranich das besondere Engagement. Den elf Frauen wird der Samstag zwar als zusätzlicher Arbeitstag angerechnet, unter der Woche abfeiern können sie ihn aber vorerst nicht: "Die Unternehmen brauchen die Mitarbeiterinnen schließlich", so Kranich. Für Vincenza Monciino war es keine Frage, dass sie trotz der hohen Belastung an der Qualifikation teilnehmen würde: "Ich habe meinem Mann gesagt: Ich gehe arbeiten und du bügelst", erklärt sie. Ihr Mann habe sich einsichtig gezeigt und sie unterstützt. Seither beschäftigt sie sich mit komplizierten Elektrofragen wie "von wo nach wo der Strom fließt". Wenn der Lehrgang abgeschlossen ist, will sie weiterlernen. Computer interessieren sie beispielsweise.

Silke Kranich freut sich über die motivierten Mitarbeiterinnen, denn der Lehrgang ist erst der Anfang. Maßnahmen auch im höher qualifizierten Bereich sind bereits angelaufen, über andere Weiterbildungsmöglichkeiten wird bei Randstad derzeit nachgedacht: "Die Anforderungen werden höher - unser Weg wird sein, unsere Mitarbeiter selbst zu qualifizieren." Von diesen wird im Gegenzug ein hoher Einsatz erwartet. Für Vincenza Monciino ist das keine Frage: "Wenn man wirklich will, kann man viel erreichen."

Quelle: Esslinger Zeitung / Eva Wolfangel