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31 Frauen nehmen ihr Schicksal in die Hand

28.06.2002

Einfache Tätigkeiten in der Industrie sind häufig Sache von Frauen, die nie etwas anderes gelernt haben. Ihre Arbeitsplätze sind jedoch keineswegs sicher. Im Rahmen eines neuen Modellprojektes haben 31 Frauen nach vielen Jahren wieder die Schulbank gedrückt.

Ihr Leben lang hat Roxana Ossa (31) ein und denselben Maschinentyp bedient. Sie konnte die Maschine einschalten, Leiterplatten mit ihr testen, abschalten. Mehr hat die Griechin nie gelernt, seit sie die Schule in Griechenland beendet hat und nach Deutschland kam. Zu groß war ihre Angst, den Ansprüchen einer richtigen Ausbildung nicht gerecht zu werden. Bis vor wenigen Monaten.

Roxana Ossa ist eine von 31 Frauen, denen am Donnerstag im feierlich geschmückten Sitzungssaal des Verbandes Region Stuttgart (VRS) erstmals ein Zertifikat überreicht wurde. Von nun an dürfen sie sich als Anlagenführerinnen bezeichnen. So stolz sei sie noch nie auf sich gewesen, sagt Ossa.

Auf so genannte "gering qualifizierte Frauen" wie Roxana Ossa machte erstmals ein Strukturbericht zur Region Stuttgart Ende der 90er Jahre aufmerksam. Experten stellten damals fest, dass der Bedarf an an- und ungelernten Frauen in der Industrie schon bald deutlich sinken und einem immensen Bedarf an Fachkräften weichen wird. Allerdings unternähmen ausgerechnet die von Arbeitslosigkeit bedrohten Frauen kaum Anstrengungen, sich umzuschulen oder weiterzubilden. Dabei mangele es in der Region keineswegs an Weiterbildungsmaßnahmen.

Offen blieb für den Verband die Frage, warum die Frauen keinen Gebrauch vom umfangreichen Bildungsangebot machen. Eine Studie, eigens in Auftrag gegeben, lieferte die Antwort: Den Frauen fehle das nötige Zutrauen, lautete die Erkenntnis. Bei den meisten liege die letzte Lernerfahrung Jahrzehnte zurück und sei meist negativ besetzt. Ausländische Frauen scheuen sich vor allem wegen vermeintlicher Sprachhürden. Um einer Zunahme der Frauenarbeitslosigkeit vorzubeugen, so das Fazit der Studie, müssten Frauen das Lernen wiedererlernen, Ängste und Resignation überwinden und Selbstvertrauen aufbauen. Notwendig sei daher ein Konzept, das sich auf eine enge Begleitung der Frauen stützt. Ein knappes Jahr später, im Januar 2001, startete das Modellprojekt "Mentoring für gering qualifizierte Frauen". Die Europäische Union, der Verband Region Stuttgart, die Bundesanstalt für Arbeit und die beteiligten Unternehmen teilen sich die Kosten von rund einer Million Euro.

Roxana Ossa und ihre 30 Mitschülerinnen, angestellt bei den Firmen STP in Sindelfingen und SMST in Böblingen, sind die Ersten, die das von der Industrie- und Handelskammer (IHK) entwickelte Zertifikat erhalten. Als ihnen das Projekt vorgestellt wurde, gab es noch Ängste und Bedenken. Schnell kapierten sie jedoch, dass sie nichts zu verlieren haben: Die Ausbildung kostete sie keinen Pfennig, für den Theorieunterricht stellten die Firmen die Frauen sogar frei. Außerdem winkten ihnen mehr Lohn und ein Arbeitsplatz mit mehr Abwechslung.

Die Ausbildung begann sanft, mit Lerntrainings und Auffrischungskursen in Mathematik und Deutsch. Von Januar bis April 2002 ging es dann im IHK-Bildungshaus Grunbach ans Eingemachte: 144 Unterrichtsstunden über Pneumatik, Elektrotechnik, Chemie und Fototechnik. Zurück in der Firma folgten vier Wochen Praxistraining in den Modulen "Bedienen und Regeln", "Fehler beseitigen", "Anlagen justieren" und so weiter. Am Ende eines jeden Moduls standen Tests, die alle (!) Teilnehmerinnen bestanden. Bildungsleiter Hans-Georg Schappacher ist begeistert: "Die Frauen waren hoch motiviert und stellten sich besser an als manche Männergruppe."

Die Weiterbildung kam für die Mitarbeiterinnen bei STP gerade zum richtigen Zeitpunkt. Der Sindelfinger Leiterplattenhersteller hat jüngst, wie berichtet, Insolvenz angemeldet. Zwar gibt es Käuferinteresse. Sicher sind die Arbeitsplätze der Frauen deshalb aber nicht. Etwas Trost spendete gestern Otto-Werner Schade, der Chef des Landesarbeitsamtes: "Durch die Qualifizierung haben Sie Ihren Marktwert erheblich gebessert - im Unternehmen ebenso wie am Arbeitsmarkt."

Quelle: Stuttgarter Zeitung