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Für Ungelernte gibt es immer weniger Arbeitsplätze

26.10.2002

Für Ungelernte gibt es immer weniger Arbeitsplätze

Das Stuttgarter Mentoringprogramm für gering qualifizierte Frauen bietet mehr als fachliche Weiterbildung
Als sie ihr Zertifikat der Industrie- und Handelskammer (IHK) in den Händen hielten, waren die sechs Frauen sehr stolz: Ein halbes Jahr lang haben die ungelernten Maschinenbedienerinnen für ihre Aufstiegsqualifikation zur Anlagenführerin die Schulbank gedrückt. Ihr gestiegenes Selbstvertrauen und die besseren Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben die Damen dem Projekt "Mentoring für gering qualifizierte Frauen" der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS) zu verdanken. Doch solche Weiterbildungsangebote für An- und Ungelernte haben noch Modellcharakter, obwohl diese Personengruppe am stärksten von Arbeitslosigkeit bedroht ist.

Knapp die Hälfte der rund 250 000 Arbeitslosen in Baden-Württemberg hat keine Berufsausbildung, bei den Jüngeren unter 25 Jahren sind es 56,3 Prozent und bei Ausländern gar 78,4 Prozent. "Der Anteil der Arbeitsplätze für Ungelernte in den Betrieben ist immer kleiner geworden", erklärt Hans-Jürgen Eckhardt, der Sprecher des Landesarbeitsamtes.

In der Region Stuttgart hat ein immenser Strukturwandel stattgefunden: Im an- und ungelernten Bereich sind zahlreiche Arbeitsplätze bereits weggefallen, bis zum Jahr 2010 wird noch einmal die Hälfte solcher Stellen gestrichen werden. "Früher hatte man in den Betrieben noch den Hofarbeiter oder den Vesperholer", sagt der Arbeitsamtssprecher. Heute müsse sogar der Gemeindearbeiter, der früher die Straßen von Hand gefegt habe, geistig so flexibel und mobil sein, dass er die Kehrmaschine bedienen könne.

"Besondere Programme für gering Qualifizierte gibt es bei den Arbeitsämtern nicht", sagt Eckhardt allerdings. In jedem Einzelfall werde deshalb geprüft, welche von den vielen Möglichkeiten - eine Umschulung zum Beispiel - in Frage komme.

Thomas Gutekunst, Leiter des IHK-Bildungshauses Grunbach, hat mehr zu bieten: Von der IHK eine Nachqualifizierung zum Industriemechaniker für An- und Ungelernte, vom Berufsfortbildungswerk der Gewerkschaft einen Lehrgang zur Verbesserung beruflicher Bildungs- und Eingliederungschancen, vom Frauenunternehmen Zora ein Verkaufs- und Bürotraining und vom Verein zur Förderung der Berufsbildung Ludwigsburg eine berufsbegleitende Vorbereitung auf die Abschlussprüfung zum Büro- oder Industriekaufmann.

"Das Frauenprojekt ist zudem sehr beachtenswert", sagt der Weiterbildungsexperte. Das Mentoringprogramm für gering qualifizierte Frauen hat diesen Sommer Halbzeit und läuft noch bis Dezember 2003. Finanziert wird es hauptsächlich mit Zuschüssen der Europäischen Union.

"Wir sind sehr zufrieden", zieht Projektleiterin Andrea Seckinger von der WRS Zwischenbilanz. 130 Frauen haben bisher eine Anpassungsqualifizierung gemacht, 44 eine Aufstiegsqualifizierung - schon jetzt weit mehr als erwartet. "Und keine einzige Teilnehmerin hat den Kurs abgebrochen", betont die Volkswirtin. Weil Frauen überproportional vom Strukturwandel betroffen sind und schweren Zugang zu Weiterbildungsangeboten haben, ist dieses präventive Projekt entwickelt worden.

"Es reicht nicht, nur fachliche Qualifizierung anzubieten", erklärt Seckinger. Den Frauen, oft Ausländerinnen, mangelt es an Selbstvertrauen und Unterstützung im familiären Umkreis. Deshalb bekommen sie im Betrieb einen Mentor an die Seite gestellt, mit dem regelmäßig Gespräche geführt werden. Auch bei der Suche nach Kinderbetreuung gibt es Unterstützung - praktische und finanzielle. Und statt gleich mit den Fachlehrgängen zu beginnen, absolvieren die Teilnehmerinnen im Vorfeld ein Lerntechnikseminar sowie Deutsch- und Mathematikkurse.

An Interessentinnen mangelt es nicht, weiß Seckinger: "Es ist eher ein Problem, die Unternehmen zum Mitmachen zu bewegen." Dabei sei es von großem Vorteil, dass die EU die Kosten für die Fachseminare übernehme. Firmen, die ihre an- und ungelernten Mitarbeiter qualifizieren wollen, werden weiterhin gesucht. Mit der Geschäftsleitung erstellen die Projektleiterin und ihre Kollegin Gabriele Tiemann dann ein speziell zugeschnittenes Angebot. Auf einer Betriebsversammlung wird es vorgestellt, danach können sich die Frauen bewerben.

In einer Anpassungsqualifizierung werden Fähigkeiten für den momentanen Arbeitsplatz vermittelt, in einer Aufstiegsqualifizierung sollen die Mitarbeiterinnen auf anspruchsvollere Tätigkeiten vorbereitet werden. Sechst Monate dauert die Weiterbildung, zweimal abends und samstags finden die Seminare statt, im Betrieb werden weitere Kenntnisse vermittelt und findet die Mentorenbetreuung zum Beispiel durch Betriebsratsfrauen statt. "Das Konzept lässt die Frauen nicht im Regen stehen", erklärt Seckinger den Erfolg.

Beim Halbleiterhersteller Philips Semiconductors GmbH in Böblingen sind Geschäftsleitung und Betriebsrat sehr angetan von den Schulungsergebnissen. "Wir haben uns vorgenommen, die Fortbildung zu wiederholen - allerdings auch für Männer", sagt Personalleiter Frank Waldmann. Die sechs Mitarbeiterinnen im Alter zwischen 26 und 50 Jahren mit dem IHK-Zertifikat in der Tasche seien ganz andere Ansprechpartnerinnen als früher. "Wenn die Maschine stockt, klappt die Kommunikation mit dem Instandhalter wesentlich besser", berichtet Waldmann. Je mehr Hintergrundwissen das Personal habe, desto mehr Fehler könnten vermieden werden - ein Mehrwert für das Unternehmen.

Zudem seien die Frauen nicht nur selbstbewusster und zufriedener geworden, sondern auch motivierter und engagierter bei der Arbeit. "Im Betrieb haben sie viel Anerkennung bekommen - vor allem bei den männlichen Kollegen."

Quelle: Stuttgarter Zeitung / Kathrin Haasis