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Schulung als Sicherheitsfaktor

18.11.2002

Mentoring motiviert gering Qualifizierte zur Weiterbildung - Un- und angelernte Arbeiterinnen meiden berufliche Weiterbildung, obwohl ihnen besonders häufig der Verlust des Arbeitsplatzes droht. Mentoring, wie es auch in Führungsetagen betrieben wird, soll sie motivieren. In dem dreijährigen Modellprojekt "Mentoring für gering qualifizierte Frauen", das die Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart konzipiert hat, qualifizieren sich bislang 165 Frauen.
Nach zehn Jahren im Beruf noch mal zur Schule gehen? Würde die Ausbildung sie für eine weitere Tätigkeit überhaupt umfassend schulen?, fragte sich Coretta Kravcik, die als Maschinenbedienerin in der Produktion des Gerlinger Pharmaunternehmens Azupharma arbeitet. Die Aussicht auf "bessere Entwicklungsmöglichkeiten in der Firma und im Beruf" besiegten schließlich Prüfungsangst und Bedenken der 32-Jährigen. In diesem November legen Coretta Kravcik und sechs Kolleginnen bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) ihre Prüfung zur Anlagenführerin ab. Sie werden dann nicht mehr nur die Maschine bedienen, sondern auch wissen, wie sie funktioniert und welche Störungen auftreten können.

Harte Überzeugungsarbeit

Für die Qualifizierung zu gewinnen waren die Un- und Angelernten allerdings nur durch die Überzeugungsarbeit ihrer Mentorin Gabriele Eisinger und externer Beraterinnen der Projekt-Koordinierungsstelle bei der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart. Dort ist das Modellprojekt "Mentoring für gering qualifizierte Frauen" angesiedelt, das auf eine Initiative des regionalen FrauenRatschlags zurückgeht, einer Lobby aus Frauen in der Kommunalverwaltung, bei Bildungsträgern, Kirchen, Gewerkschaften, Kontaktstellen Frau und Beruf und Politikerinnen. Das Konzept übernimmt den Mentoring-Ansatz aus der Führungsebene von Unternehmen, wo Mentoren als Berater und Vertraute agieren, um Frauen den Aufstieg zu erleichtern. Gering Qualifizierte stehen Mentoren nicht nur bei fachlichen Fragen und Problemen zur Seite. Mentoring soll vor allem die Vorbehalte gegenüber Qualifizierungsangeboten abbauen, sie zur Teilnahme motivieren und sie in persönlichen Konflikten stützen.

Keine Freiwilligen

Interessierte rannten Eisinger nämlich nicht, wie erwartet, "die Bude ein". Auch nach drei Informationsveranstaltungen, die mögliche Teilnehmerinnen direkt ansprechen sollten, habe sich niemand freiwillig gemeldet, erinnert sich die Betriebsratsvorsitzende von Azupharma. Vor allem die "Angst vor dem Unbekannten" habe die Produktionsmitarbeiterinnen abgeschreckt: Zweifel, ob sie das Lernpensum und die Prüfung schaffen, aber auch Befürchtungen in der Gruppe, dass die zukünftigen Anlagenführerinnen den Maschinenmechanikerinnen, die die Maschinen einstellen, Kompetenzen streitig machen könnten. Schwierigkeiten mit der fremden Sprache stellen für die oft ausländischen un- und angelernten Frauen ein weiteres Hindernis dar.
Für sie sind Fort- und Weiterbildung jedoch besonders wichtig, denn einer Umstrukturierung und Rationalisierung im Betrieb fallen vor allem ihre Arbeitsplätze zum Opfer. Im verarbeitenden Gewerbe wird deren Zahl nach einem Strukturbericht zur Region Stuttgart in den kommenden Jahren auf die Hälfte sinken. Dies hänge damit zusammen, dass Frauen in der Branche ein niedrigeres Qualifikationsniveau als Männer haben. Zudem steigen auch die Anforderungen an ihre einfachen Tätigkeiten. Drohen Entlassungen, erweise sich die Qualifikation als "Sicherheitsfaktor", sagt Gabriele Tiemann, eine der Koordinatorinnen des Mentoring-Projektes. Das auf drei Jahre angelegte Projekt solle auch die Unternehmen für Personalentwicklung in den untersten Gehaltsgruppen sensibilisieren. Es sei jedoch ein großes Problem, Betriebe überhaupt dafür zu interessieren. Für einige komme das Angebot zu spät. Sie beschäftigten schon beim Projektstart 2001 keine Ungelernten mehr.
Bisher nehmen 165 Frauen aus drei Betrieben an Anpassungs- oder Aufstiegsqualifizierungen des Projekts teil. "Die Angebote sind zeitlich und inhaltlich auf die Unternehmen und die Arbeitssitutation der Teilnehmerinnen zugeschnitten", erläutert Tiemann. Wenn nötig, sorgt die Koordinierungsstelle auch für eine Kinderbetreuung während der Schulungszeit. Die Projektkosten von einer Million Euro trägt der Europäische Sozialfonds gemeinsam mit dem Verband Region Stuttgart, dem Arbeitsamt und den beteiligten Unternehmen.
Einige Ausbildungsgänge, wie der zur Anlagenführerin, schließen mit einem IHK-Zertifikat ab. Auf diesen Abschluss haben Coretta Kravcik und ihre Kolleginnen vier Wochen lang in Schulungen hingearbeitet. Im Vorfeld der Ausbildung haben die Kursteilnehmerinnen das Lernen wieder erlernt und ihre sozialen Kompetenzen trainiert, um sich künftig auch in der Abteilungshierarchie behaupten zu können.

Schulung weckt Zuversicht

Eisingers Bedenken, dass nicht alle ihre sieben Mentees durchhalten würden, waren bisher unbegründet. Nach ihrer und Tiemanns Erfahrung begeistert die Qualifizierung die Frauen und weckt ihre Zuversicht. Kravcik würde die Ausbildung weiterempfehlen. Sie ist nun gespannt, wie sie das Erlernte im Betrieb umsetzen kann. Auch finanziell bedeutet die Qualifizierung einen Aufstieg für die Maschinenbedienerinnen von der untersten Entgeltstufe mit rund 1.100 Euro Bruttolohn. Sie bekommen bis zu 150 Euro monatlich mehr.
Auch für die Betriebsratsvorsitzende hat das Projekt neue Erfahrungen als Mentorin gebracht. "Bis auf ein bis zwei Anrufe und die Organisation der Zusammenkünfte" sei der Aufwand für sie gering gewesen. Personen, die als Mentorin oder Mentor in Frage kommen, werden in konzeptionellen Besprechungen zwischen Personal- und Produktionsabteilung, Betriebsrat sowie dem Projektteam vorgeschlagen. Rat und Unterstützung erhalten sie von den Beraterinnen der Wirtschaftsförderung.

Quelle: DGB-Infobrief "Frau geht vor", Nr. 5, November 2002