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Frauen machen sich fit für den Arbeitsmarkt

01.04.2005

Ostfildern - Angelernte Arbeiterinnen wollen mit Hilfe des Projekts Mentoring & Qualifizierung zu Fachkräften werden
Zehn Frauen aus dem Kreis Esslingen stellen sich den Anforderungen des Arbeitsmarktes. Die an- und ungelernten Arbeitnehmerinnen wollen innerhalb von 14 Monaten einen Berufsabschluss erreichen und zur qualifizierten Fachkraft aufsteigen. Job und Familie müssen sie mit ihrem ehrgeizigen Ziel unter einen Hut bekommen.

Helene Jendrysik gehört zu den an- oder ungelernten Arbeitskräften. Seit 18 Jahren ist sie bei Novotechnik Messwertaufnehmer in Ruit. Sie ist Schichtführerin und Maschinenbetreuerin, darf aber nicht alle Tätigkeiten in ihrer Abteilung ausführen. Die selbständige Reparatur von Maschinen ist für die 46-Jährige tabu. Dazu fehlt ihr die Berufsausbildung. Diesen Zustand will Jendrysik ändern. Sie nimmt am Pilotprojekt Mentoring & Qualifizierung (M&Q) des Landes teil. Zehn Frauen beginnen Anfang April im Bildungszentrum Garp in Ruit mit der Nachqualifizierung zur Nachrichtengerätemechanikerin. Die Arbeiterinnen von Balluff Neuhausen, Euchner Leinfelden und Novotechnik nehmen eine Vorreiterrolle ein.

Rationalisierung trifft oft Frauen

Erstmals können in einem speziell für Frauen entwickelten Projekt Berufsabschlüsse in Form einer Nachqualifizierung abgelegt werden. Ins Leben gerufen wurde das Projekt von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart (WRS). Eine Studie im Auftrag der WRS zeigt, dass besonders die Stellen von an- oder ungelernten Arbeitern durch Rationalisierung und Verlagerung ins Ausland stark gefährdet sind. "Frauen sind von dem Stellenabbau überproportional betroffen", so Walter Rogg, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung.

Dem Wegfall von Arbeitsplätzen will das zu 95 Prozent von der EU finanzierte Projekt entgegenwirken. Rogg bewertet Mentoring & Qualifizierung als Signal: "Der Bedarf an Fachkräften in der Region ist groß. Mit dem Projekt sollen Weiterbildungsbarrieren abgebaut werden." Bereits 321 Frauen haben Zertifikatslehrgänge absolviert. Jetzt wird das Modell auf Landesebene fortgeführt.
Für die zehn Frauen aus dem Kreis Esslingen beginnt eine anstrengende Zeit: Während der Ausbildungsphase arbeiten sie in den Betrieben weiter. Für einen Teil des Unterrichts werden sie von den Firmen freigestellt, der Rest fällt in die Freizeit. Neben fachlicher Qualifizierung steht die Betreuung durch Mentorinnen als zweite Säule. "Dieser Part wird häufig von Mitgliedern des Betriebsrats oder anderen Mitarbeiterinnen übernommen", erklärt Andrea Seckinger von der WRS. Die Mentorinnen sollen bei beruflichen und privaten Problemen zur Seite stehen.

Helene Jendrysik hat seit 25 Jahren nicht mehr die Schulbank gedrückt. Dennoch will sie im Juni 2006 die Facharbeiterprüfung zur Nachrichtengerätemechanikerin ablegen. Um Arbeitsvorgänge endlich besser verstehen zu können.
"Zuerst müssen sich die Frauen an das Lernen gewöhnen, das ist eine gewaltige Umstellung", sagt Achim Miller, Lehrgangsleiter vom Bildungszentrum Garp. "Neben Beruf und Familie in komprimierter Zeit die Ausbildung zu absolvieren, das ist eine starke Leistung." Die bisherigen Lehrgänge hätten gezeigt, dass die Frauen an ihrer Aufgabe wachsen. "Gerade in Männerdomänen müssen Frauen doppelt so viel leisten, um anerkannt zu werden."

Birgit Wendland von der Firma Euchner will abends lernen, wenn ihr vierjähriger Sohn im Bett ist. Die 37-Jährige ist seit 15 Jahren in der Firma. "Mit einer Berufsausbildung habe ich mehr Möglichkeiten innerhalb meiner Abteilung. Das macht die Arbeit interessanter."

Gehalt bleibt gleich

Mehr Gehalt bekommen die Frauen mit dem Abschluss nicht. "Nur wenn sich die Aufgabenstellung langfristig verändert", sagt Andreas Weisbeck, Personalleiter bei Euchner. Die Vorteile des Projekts sieht er darin, dass das Unternehmen in bewährte Mitarbeiter investieren kann und nicht auf externe Kräfte zurückgreifen muss. Außerdem sei das Potenzial für Ungelernte in den Betrieben gering. "Die Frauen können mit dem Projekt ihren Arbeitsplatz selbst sicherer machen", erklärt Projektbetreuerin Seckinger. Noch begegnet sie Vorurteilen in den Personalabteilungen. "Die Ansicht, unqualifizierte Arbeitskräfte hätten kein Interesse an einer Ausbildung, ist weit verbreitet". Die zehn Frauen wollen das Gegenteil beweisen. Sie wollen die Prüfung bestehen. "Dann werden die Kollegen hoffentlich stolz auf uns sein."

Quelle: Esslinger Zeitung / Simone Deitmer